Zukunft von Indikatorensystemen in der deutschen amtlichen Statistik
Dr. Susanne Schnorr-Bäcker,
geb. 1954, Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen (1973-1978), Diplom-Ökonomin 1978, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Marketing der Universität Gießen (1978-1983), Promotion zum Dr. rer. pol. 1983; seit 1985 Mitarbeiterin im Statistischen Bundesamt: Koordinierung und fachübergreifende Weiterentwicklung des wirtschaftsstatistischen Programms in enger Zusammenarbeit mit Eurostat (1985-1996); Leiterin einer Arbeitsgruppe zur Einführung einer Kosten- und Leistungsrechnung (1996-2000); Harmonisierung, Koordinierung und Weiterentwicklung von Daten über moderne Informations- und Kommunikationstechnologien (2000-2005), seit 2006 zuständig für die Koordinierung und den Auf- und Ausbau von Indikatorensystemen
Indikatorensysteme, d. h. umfassende Informationssysteme bestehend aus einer Vielzahl von teilweise komplexen Indikatoren, haben in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung erfahren.
Sie dienen zur Beschreibung und Beobachtung realer Phänomene und deren Entwicklungen im Zeitablauf. Die Ursachen dafür, dass sie sich so rasch und weit verbreitet haben, sind mannigfaltig. Wirtschaftlicher Wohlstand und sozialer Wandel sind Themenkreise, die in der Neuzeit spätestens seit der Aufklärung in den (Sozial-)Wissenschaften immer wieder von großem Interesse waren, wie z. B. die Arbeiten von Adam Smith zeigen.
Ende des 20. Jahrhunderts standen dann auch die entsprechenden Instrumente zur schnellen Verarbeitung von großen Datenmengen bereit. Die Digitalisierung von Informationen und die elektronische Datenverarbeitung haben es erst möglich gemacht, eine bis dahin ungeahnte Informationsfülle bereitzustellen. Geänderte Informations- und Kommunikationsstrukturen aufgrund der Einführung von PC, Mobiltelefonen und die Vernetzung der verschiedenen bis dahin eher isoliert nutzbaren (Tele-)Kommunikationseinrichtungen haben es erst ermöglich, dass auch statistische Informationen nahezu ubiquitär abrufbar sind. Zeit und Ort setzen kaum noch Grenzen und können leicht überwunden werden.
Technischer Wandel war, wie die Geschichte zeigt, häufig eng mit einem größeren Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft verknüpft. Das deuten auch die Begriffe wie "Informations-" oder "Wissensgesellschaft" zur Abgrenzung der gegenwärtigen von der (post)industriellen Gesellschaft der Nachkriegszeit an. Als besonderes Merkmal des aktuellen Wandels wird häufig die Rasanz genannt, mit der er sich vollzieht. Damit besteht die Gefahr, dass Entwicklungen eintreten, die kaum mehr überschaubar und noch weniger steuerbar sind, vor allem in Hinblick auf zukünftige Generationen. Ängste entstehen, dass ein Teil der Bevölkerung nicht mehr mithalten kann und ausgegrenzt wird, mit allen negativen wirtschaftlichen und sozialen Begleiterscheinungen.
Indikatorensysteme bieten hier einen Ansatzpunkt vor allem für Politik und Wissenschaft, um Einblicke in die komplexen realen Sachverhalte zu gewinnen und diese zu steuern. Aber auch für die Wirtschaft und die Zivilgesellschaft liefern sie wichtige Erkenntnisse. Eine 360°-Transparenz ist nunmehr möglich. Im Vordergrund stehen dabei soziale Aspekte wie Armut oder Wohlstand und Nachhaltigkeit in ökonomischer und ökologischer Hinsicht. Zu diesem Zweck wurden nicht nur thematisch umfassende Indikatorensysteme mit wenigen Schlüsselindikatoren zu jedem dieser Bereiche entwickelt. Vielmehr gibt es eine Fülle von Subsystemen mit dem Fokus auf ausgewählten Themenschwerpunkten wie Gesundheit, Bildung, Beschäftigung oder Wettbewerbsfähigkeit. Diese Indikatorensysteme bestehen häufig aus einer Vielzahl von Einzelindikatoren oder Kenngrößen in Form von Verteilungsmaßen, Verhältniszahlen oder komplexen Maßzahlen, die Aufschluss über einen bestimmten realen Sachverhalt geben sollen. Sie reichen von relativ einfachen Indikatoren wie der Arbeitslosenquote bis hin zu Indikatoren wie "gesunde Lebensjahre", die sich als Massenphänomene nur schwer operationalisieren lassen. Aufgrund der vorhandenen Informationsfülle und einem häufig stark ausgeprägten Detailinteresse wachsen diese Indikatorensysteme recht schnell an. So bestehen die EU-Strukturindikatoren aus mehr als 50 Einzelindikatoren, für die EU- Nachhaltigkeitsindikatoren sind sogar mehr als 100 Einzelindikatoren in der Diskussion. Das hat zur Folge, dass Kurzversionen entwickelt werden wie z. B. die sogenannte kurze Liste der EU-Strukturindikatoren. Ungeachtet dieser Parallelwelten und der unterschiedlichen zwischen den einzelnen Indikatoren eines Indikatorsystems bestehenden Interdependenzen werden derartige Indikatorsysteme schnell unübersichtlich. Es besteht die Gefahr von Fehlinterpretationen derart, dass gewisse Informationen nicht richtig verstanden werden oder noch schlimmer, dass sie eine Argumentationshilfe auch für sich gegenseitig ausschließende Meinungen liefern.
Dass Indikatorensysteme immer mehr an Bedeutung gewinnen, dürfte unbestritten sein. Daraus ergeben sich jedoch neue Anforderungen an die amtliche Statistik. Sie muss sicherstellen, dass die Indikatoren eindeutig und zweifelsfrei zu interpretieren sind. So müssen also nicht nur die genaue Definition, die Datenquelle mit dem Erhebungsverfahren sowie die Rechtsgrundlage allgemein verständlich erläutert werden. Sondern eventuell müssen ergänzend methodische Informationen über die Art und Weise der Berechnung sowie die Datenqualität bereitgestellt werden. Bei komplexen Indikatorensystemen kommt die Frage der Informationsverdichtung und Ergebnisdarstellung hinzu. Die amtliche Statistik steht in dem Dilemma, trotz sinkender Ressourcen schnell zu handeln und äußerst sorgfältig sämtliche Informationen auf ihren Aussagegehalt einschließlich der Gefahr von Missinterpretationen zu prüfen, bevor sie diese im World Wide Web bereitstellt. Diese Aufgabe ist eine große Herausforderung für die amtliche Statistik, gleichzeitig aber bietet sich die große Chance zur Sicherung ihrer Position als Informationsdienstleister.
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