Globalisierungsindex
Dr. Axel Dreher
Axel Dreher ist seit 2005 als Senior Researcher in der KOF Konjunkturforschungsstelle der
ETH Zürich beschäftigt. Er war Dozent bzw. wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten von Mannheim,
Exeter und Konstanz sowie Gastprofessor am Economics Education and Research Consortium der National University
of Kyiv-Mohyla Academy (Kiew, Ukraine). Daneben arbeitete er als Gastforscher im Center for Economic
Studies in München, am Kieler Institut für Weltwirtschaft und RWI Essen sowie als Berater für das
Independent Evaluation Office des Internationalen Währungsfonds. Herr Dreher hat eine Reihe von Beiträgen
in begutachteten Zeitschriften, u. a. Public Choice, Journal of Law & Economics, World Bank Economic
Review sowie Economic Letters veröffentlicht. Er ist Herausgeber der Fachzeitschrift Review of
International Organizations. Seine gegenwärtige Forschungstätigkeit konzentriert sich hauptsächlich
auf die politische Ökonomie, besonders auf die Themen internationale Organisationen, Globalisierung,
wirtschaftliche Entwicklung, Korruption und Schattenwirtschaft. Zum Thema Messung der Globalisierung
erscheint in Kürze die Veröffentlichung:
Dreher, A., Gaston, N. und Martens, P., Measuring Globalisation
- Gauging its Consequences, Springer.
Der KOF-Globalisierungsindex wurde 2002 erstmals veröffentlicht. Er beruht teilweise auf den im A.T.Kearney/Foreign Policy-Index (ATK/FP) verwendeten Variablen, deckt aber eine weit größere Anzahl an Ländern ab und umfasst eine längere Zeitspanne. Zudem nimmt der KOF-Index bisher vernachlässigte Dimensionen der Globalisierung auf und erweitert die bestehenden.
Der 2002 KOF-Index erfasst 123 Länder und 23 Variablen. Der Gesamtindex bildet die wirtschaftliche, soziale und politische Dimension der Globalisierung ab. Globalisierung wird konzeptualisiert als ein Prozess, der kontinentübergreifende Netzwerke zwischen Akteuren schafft, und zwar durch verschiedene Ströme von Menschen, Informationen und Ideen, Kapital und Gütern. Durch diesen Prozess werden nationale Grenzen aufgeweicht, nationale Volkswirtschaften, Kulturen, Technologien und Staatsführungen miteinander verflochten, sowie komplexe Beziehungen gegenseitiger Abhängigkeit geschaffen.
Im Einzelnen werden die drei Dimensionen der Globalisierung folgendermaßen definiert:
- wirtschaftliche Globalisierung, charakterisiert durch Güter-, Kapital- und Dienstleistungsströme, sowie die Ströme an Informationen und Wahrnehmungen, die das Marktgeschehen begleiten;
- soziale Globalisierung, die durch die Verbreitung von Ideen, Informationen, Bildern und Menschen zum Ausdruck kommt; sowie
- politische Globalisierung, charakterisiert durch die Verbreitung von Regierungspolitik.
Wirtschaftliche Globalisierung:
Die wirtschaftliche Globalisierung hat im Wesentlichen
zwei Dimensionen. Erstens werden in der Literatur meist tatsächliche Wirtschaftsströme als Maß für
die Globalisierung herangezogen. Zweitens verwendet die bisherige Literatur Daten über Handels- und
Kapitalverkehrsbeschränkungen. Es werden daher zwei Indizes mit einzelnen Bestandteilen erstellt,
die in der bisherigen Literatur als Näherungswerte für die Globalisierung herangezogen wurden.
Tatsächliche Ströme:
Der Teilindex zu tatsächlichen Wirtschaftsströmen enthält Daten zu
Handel, ausländischen Direktinvestitionen und Portfolioinvestitionen. Handel wird als Summe
der Exporte und Importe eines Landes definiert; Portfolioinvestitionen sind die Summe der
Aktiva und Passiva eines Landes, wobei jedes Maß mit dem BIP normalisiert wird. Enthalten sind
die Summe der Bruttozuflüsse und -abflüsse an ausländischen Direktinvestitionen (wiederum mit
BIP normalisiert). Einkommenszahlungen an Ausländer und ausländisches Kapital werden als Näherungswerte
für das Ausmaß aufgenommen, zu dem ein Land Ausländer und ausländisches Kapital für seine
Produktionsprozesse heranzieht.
Außenhandel und Investitionsbeschränkungen:
Der zweite Teilindex bezieht sich auf Handels-
und Kapitalverkehrsbeschränkungen durch versteckte Einfuhrschranken,
durchschnittliche Zollsätze, Außenhandelssteuern (als Anteil an den laufenden Einnahmen)
und einen Index der Kapitalverkehrskontrollen. Bei einem bestimmten Handelsniveau ist ein
Land mit höheren Zolleinnahmen weniger stark globalisiert. Als Näherungswert für Beschränkungen
des Kapitalverkehrs wird ein von Gwartney und Lawson (2006) erstellter Index verwendet.
Durchschnittliche Zollsätze werden aus verschiedenen Quellen ermittelt. Länder, die keinerlei
Zölle erheben, werden von Gwartney und Lawson mit 10 bewertet. Mit steigendem durchschnittlichem
Zollsatz erhalten die Länder niedrigere Bewertungen. Nähert sich der durchschnittliche Zollsatz 50 %
(diese Schwelle wird von den meisten Ländern der dort verwendeten Stichprobe normalerweise nicht
überschritten), geht die Bewertung gegen Null. Die Originalquelle für versteckte Einfuhrschranken
sind verschiedene Ausgaben des Global Competitiveness Report des Weltwirtschaftsforums.
Soziale Globalisierung:
Der KOF-Index klassifiziert die soziale Globalisierung
in drei Kategorien. Die erste bezieht sich auf persönliche Kontakte, die zweite enthält Daten
zu Informationsflüssen und die dritte misst kulturelle Nähe.
Persönliche Kontakte:
Dieser Index soll die direkte Interaktion zwischen Menschen in
verschiedenen Ländern erfassen. Er enthält internationalen Telefonverkehr (ausgehende Gespräche
in Minuten pro Abonnent), die durchschnittlichen Kosten eines Anrufs in die Vereinigten Staaten
und den Grad des Tourismus (ankommend und ausgehend), dem die Bevölkerung eines Landes ausgesetzt ist.
Empfangene und gezahlte Übertragungen des Staates und von Arbeitnehmern (als Anteil am BIP) messen,
ob und in welchem Maß Länder interagieren, während der Bestand an ausländischer Bevölkerung mit
aufgenommen wird, um bestehende Interaktionen mit Menschen aus anderen Ländern zu erfassen.
Informationsflüsse:
Während Daten zum persönlichen Kontakt die messbaren Interaktionen zwischen
Menschen aus verschiedenen Ländern erfassen sollen, ist es das Ziel des Teilindex zu Informationsflüssen,
die potentiellen Ströme von Ideen zu messen. Er enthält die Anzahl der Internetanbieter und -nutzer, der
Kabelfernsehen-Abonnenten, die Anzahl der Telefon-Hauptanschlüsse, die Anzahl der Radiogeräte (jeweils
pro 1.000 Personen) und Tageszeitungen (pro 1.000 Personen). Zum Teil stehen all diese Variablen für
die Möglichkeit der Menschen, Nachrichten aus anderen Ländern zu erhalten - sie tragen so zur weltweiten
Verbreitung von Ideen bei.
Kulturelle Nähe:
Kulturelle Nähe ist wohl die am schwierigsten zu erfassende
Globalisierungsdimension. Nach Saich (2000, S. 209) bezieht sich kulturelle Globalisierung
zum großen Teil auf die Dominanz durch kulturelle Produkte der USA. Die Vereinigten Staaten
sind wohl richtungweisend in weiten Teilen des globalen soziokulturellen Bereichs. Als
Näherungswert für kulturelle Nähe wird die Anzahl an McDonald-Restaurants in einem Land
herangezogen. Für viele Menschen ist die weltweite Verbreitung von McDonald's gleichbedeutend
mit der Globalisierung selbst.
Politische Globalisierung:
Als ein Maß für den Grad der politischen
Globalisierung orientieren wir uns am ATK/FP. Verwendet werden die Anzahl an Botschaften
und High Commissions in einem Land, die Anzahl an internationalen Organisationen, in denen
das Land Mitglied ist, und die Anzahl der UN-Friedensmissionen, an denen das Land teilgenommen hat.
KOF-Globalisierungsindex 2007:
Im Folgenden wird eine aktualisierte Version des
Originalindex von 2002 vorgestellt. In den meisten Fällen besteht diese Aktualisierung einfach
in der Verwendung der aktuellen Daten. Die Kosten eines Telefonats in die Vereinigten Staaten sind
allerdings nicht mehr im Index enthalten, um Kritik an einer übermäßigen Fokussierung auf die
Vereinigten Staaten zu vermeiden. In der aktuellen Version ist auch die Anzahl an Telefonhauptanschlüssen
nicht mehr enthalten, da diese heute nicht mehr zur Messung internationaler Informationsflüsse herangezogen
werden kann. Zur stärkeren Betonung des internationalen Schwerpunkts unseres Index wird weiterhin die
Anzahl der verkauften Zeitungen durch die Anzahl der importierten und exportierten Zeitungen ersetzt.
Auch wurde eine Reihe von Näherungswerten für die Globalisierung aufgenommen, die im Originalindex von
2002 nicht enthalten waren: Bestand an ausländischen Direktinvestitionen, versandte und erhaltene
Auslandsbriefe, Anzahl der IKEA-Geschäfte in einem Land, sowie Handel mit Büchern und Broschüren.
Die Anzahl versandter und erhaltener Auslandsbriefe misst die direkte Interaktion zwischen Menschen
in verschiedenen Ländern. Importierte und exportierte Bücher (im Verhältnis zum BIP) werden entsprechend
dem Vorschlag von Kluver und Fu (2004) ebenfalls als Maß verwendet. Der Handel mit Büchern soll als
Näherungsmaß für den Grad dienen, zu dem Meinungen und Werte nationale Grenzen überschreiten. Die Anzahl der
IKEA-Geschäfte pro Land folgt einer ähnlichen Linie wie die Anzahl an McDonald-Restaurants.
Im aktuellen Index werden eine Reihe methodischer Verbesserungen gegenüber früheren Versionen eingeführt. Jede der oben vorgestellten Variablen wird in einen Index mit einer Skala von 1 bis 100 umgesetzt, wobei 100 den höchsten Wert für eine bestimmte Variable im Zeitraum 1970 bis 2004 darstellt und 1 den niedrigsten Wert. Auch hier bedeuten höhere Werte eine stärkere Globalisierung. Die Daten werden nach den Perzentilen der Originalverteilung umgesetzt. Im Vergleich zur früheren Methode bietet dies den Vorteil, dass das tatsächliche Gewicht einer Variablen im Index nicht übermäßig von seiner Verteilung beeinflusst wird. Dadurch werden die Ergebnisse nicht mehr durch extreme Ausreißerwerte und fehlende Werte beeinflusst. Die Gewichte für die Berechnung der Teilindizes werden durch Verwendung der Hauptkomponentenmethode für die gesamte Stichprobe von Ländern und Jahren bestimmt. Dies stellt eine methodische Änderung gegenüber dem Aufbau des KOF-Index 2002 dar, bei dem die Variablen für jedes einzelne Jahr normalisiert wurden. Eine Normalisierung über den gesamten Zeitraum führt zu besserer Vergleichbarkeit im Zeitverlauf. Ein Nachteil ist allerdings, dass der so erhaltene Index von der Aufnahme zusätzlicher Länder abhängt. Die Zerlegung teilt die Varianz der in jeder Untergruppe verwendeten Variablen auf und bestimmt die Gewichte so, dass die Variation der sich ergebenden Hauptkomponente maximiert wird. Im Gegensatz zum Index 2002 erfolgt die Berechnung der Gewichte unter Verwendung aller verfügbaren Daten an Stelle einer Gewichtsberechnung für das Basisjahr 2000. Dasselbe Verfahren wird für die Teilindizes angewandt, um einen Gesamtindex der Globalisierung zu erhalten.
Da nicht alle Daten für alle Länder und alle Jahre verfügbar sind, werden bei der Berechnung der Indizes vor Durchführung des Gewichtungsverfahrens alle Variablen linear interpoliert. Statt einer linearen Extrapolation werden fehlende Werte am Stichprobenrand durch die neuesten verfügbaren Daten ersetzt. Wo Daten für den gesamten Erhebungszeitraum fehlen, werden die Gewichte entsprechend angepasst. Da Beobachtungen mit dem Wert 0 keine fehlenden Werte darstellen, gehen sie mit dem Gewicht 0 in den Index ein. Daten für Teilindizes und den Gesamtindex der Globalisierung werden nicht berechnet, wenn sie auf einer kleinen Spanne an Variablen in einem bestimmten Jahr und Land basieren. Beobachtungen für den Gesamtindex werden als fehlend angegeben, wenn mehr als ein Drittel der zugrunde liegenden Daten fehlen. Die Schwelle für jeden der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Teilindizes beträgt 0,3, während die Schwelle für jeden der Teilindizes auf tieferer Ebene 0,2 beträgt. Die Indizes zur wirtschaftlichen, sozialen und politischen Globalisierung sowie der Gesamtindex werden unter Verwendung der gewichteten Einzeldatenreihen berechnet, und nicht unter Verwendung der aggregierten Globalisierungsindizes der tieferen Ebenen. So gehen Daten auch dann in die höheren Ebenen des Index ein, wenn der Wert eines Teilindex wegen fehlender Daten nicht angegeben ist.
Download der
Langfassung als PDF-Datei


