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Gemeinsame Wissenschaftliche Kolloquien des Statistischen Bundesamtes und der Deutschen Statistischen Gesellschaft

Niedergang des Faches Statistik an den Hochschulen

Prof. Dr. Peter Michael von der Lippe,

seit 1976 Professor für Statistik an der Universität Essen, jetzt Universität Duisburg - Essen, Standort Essen. Veröffentlichungen: Wirtschaftsstatistik (in verschied. Auflagen seit 1973), Lehrbücher zur Statistischen Methodenlehre, Chain Indices, A Study in Price Index Theory, Bd. 16 der Reihe "Spektrum Bundesstatistik", hrsg. vom Statistischen Bundesamt, Wiesbaden 2001 sowie über 90 Aufsätze und Buchbeiträge. Mitwirkung an Weiterbildungsmaßnahmen von Mitarbeitern der amtlichen Statistik im europäischen Ausland sowie in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Eine Internetrecherche des Statistik Lehrangebots von 201 deutschen Hochschulen ergab eine zunehmende Heterogenität des Umfangs und (wohl auch) der Inhalte. Das Fach ist zwar fast flächendeckend im Grundstudium vertreten, aber mit abnehmender Tendenz. Es wird nach wie vor noch an Universitäten stärker als an Fachhochschulen angeboten, jedoch immer seltener von hierauf spezialisierten Professoren. Die Vergleichbarkeit der Lehrangebote nimmt im Rahmen der gewünschten Profilierungsversuche von Fachbereichen leider weiter ab.

Auch die Analyse der Nachfrage nach Statistik im Rahmen des weiteren Studiums und in der Wirtschaft leidet unter zunehmender Differenzierung. Es wird schwieriger das Lehrangebot so auszurichten, dass es gleichermaßen den Wünschen der Theoretiker als auch der Praktiker in der Statistik gerecht wird. Berufsbezeichnungen in den von uns untersuchten Stellenanzeigen, aber auch die Benennung von Fachkenntnissen, die von Bewerbern gewünscht werden, sind häufig wenig konkret und aussagefähig. Für mehr statistisch geprägte Aufgaben in der Wirtschaft werden auch zunehmend Absolventen anderer Disziplinen als der Wirtschaftswissenschaften gesucht.

Der Bedeutungsverlust der Statistik als Fach und des "Nur-Statistikers" (und Ökonometrikers) als Fachvertreter ist auch deswegen fortgeschritten, weil sich immer mehr Vertreter anderer wirtschaftswissenschaftlicher Fächer berufen fühlen, sich einen Großteil ihrer Arbeitszeit mit Statistik zu beschäftigen. Für die sich so in Forschung und Lehre ausbreitende "Statistik aus zweiter Hand" gibt es schlimme Beispiele.

Der Vortrag spricht auch mögliche Ursachen dieser Entwicklung an sowie die in der Literatur geäußerten Ideen wie hier wirksam gegengesteuert werden könnte. Es muss nicht ein Widerspruch sein, wenn - wie auch W. Krämer feststellte - die Statistik ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die "Statistisierung" (anderer Disziplinen) einen Höhepunkt erreicht hat, einen "Abstieg" erlebt. Der Rückzug der Statistiker in eine Formalwissenschaft, die sich nur als Werkzeug versteht, hat sicher dazu beigetragen. Das gilt auch für die von uns wiederholt beklagte Vernachlässigung der "Wirtschaftsstatistik" und der dahinter stehenden Geisteshaltung. Allerdings ist dies zu relativieren und die fortschreitende Verkomplizierung dieses Gebiets spricht auch nicht dafür, dass man durch eine Rückbesinnung hierauf in der Lehre mehr Begeisterung für das Fach erreichen wird. Gleiches gilt auch für die in der Literatur in diesem Zusammenhang vorwiegend diskutierten motivationsfördernden Maßnahmen (z.B. Verwendung echter Datensätze statt fiktiver Zahlenbeispiele).

Abschließend wird ein wenig darüber spekuliert wie das Fach "Statistik" in Zukunft aussehen könnte und mit welchen Einstellungen und Fähigkeiten ein Fachvertreter aus diesen Rahmenbedingungen das Beste machen kann und wohl auch weiterhin einige Studenten, die es zum Glück immer geben wird, hierfür begeistern kann.

Download der Langfassung als PDF-Datei

© Statistisches Bundesamt Deutschland 2006