Jenseits von "Chalk-and-Talk": Problemorientierte Statistikausbildung in den Wirtschaftswissenschaften
Prof. Dr. Hans Wolfgang Brachinger,
seit 1991 Ordinarius für Statistik am Departement für Quantitative Wirtschaftsforschung der
Université de Fribourg Suisse / Universität Freiburg Schweiz. Nach Studien der Fächer Mathematik,
Volkswirtschaftslehre sowie Ökonometrie und Wirtschaftsstatistik an den Universitäten München, Regensburg,
Berkeley und Tübingen hat er 1977 an der Universität Regensburg das Diplom in Mathematik mit dem Nebenfach
Volkswirtschaftslehre erworben. Er promovierte 1982 an der Universität Tübingen zum
Dr. rer. pol. und habilitierte sich daselbst 1989 für die Fächer "Ökonometrie und Statistik". Vor seiner Tätigkeit
in Fribourg war er als Professor für Statistik an den Universitäten Konstanz and Eichstätt/Ingolstadt tätig. Rufe an
die Universitäten Marburg und Mainz hat er abgelehnt.
Prof. Brachingers Forschungsinteressen liegen im
Bereich der Wirtschaftsstatistik und der Entscheidungsforschung. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten
publiziert, in American Economic Review, Operations Research Spectrum, Schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft
und Statistik, Allgemeines Statistisches Archiv, Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik und weiteren
wissenschaftlichen Zeitschriften. Von ihm stammen Beiträge in der Encyclopedia of Statistical Sciences, in der
Encyclopedia of Life Support Systems der UNESCO sowie im Handbook of Utility. Als Gutachter ist er für eine
Reihe von Fachzeitschriften tätig.
Prof. Brachinger ist langjähriges aktives Mitglied der Deutschen
Statistischen Gesellschaft (DStatG). Ferner gehört er dem International Statistical Institute (ISI) an,
ist Mitglied der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften - Verein für Socialpolitik und dort
insbesondere im Ausschuss für Ökonometrie und im Sozialwissenschaftlichen Ausschuss tätig. Von 2001 bis 2003
war er Vorsitzender des Sozialwissenschaftlichen Ausschusses. Brachinger hat an der Organisation einer Vielzahl
von nationalen und internationalen Konferenzen mitgewirkt.
Seit Mitte der 90er Jahre hat Prof. Brachinger
seine Aktivitäten auf die Wirtschaftsstatistik konzentriert, vor allem auf preisstatistische Fragen. Im Auftrag
des Schweizerischen Bundesamtes für Statistik erarbeitete er 1998-1999 federführend eine Expertise zum
Schweizerischen Landesindex der Konsumentenpreise (LIK). Der LIK wird heute nach dem in dieser Expertise
entwickelten Konzept ermittelt. Seither hat Prof. Brachinger mehrere wichtige preisstatistische Projekte geleitet.
Im Auftrag des Statistischen Bundesamtes (Destatis) organisierte er 2001 eine Tagung zu hedonischen Methoden der
Qualitätsbereinigung, in deren Folge diese Methoden in die amtliche Preisstatistik der Bundesrepublik
Deutschland eingeführt wurden. In jüngster Zeit hat seine Entwicklung eines Indexes der wahrgenommenen
Inflation (IWI) und der (in Kooperation mit Destatis durchgeführten) Berechnung dieses Indexes große
öffentliche Resonanz erfahren. Derzeit berät er die Bundesnetzagentur im Rahmen des Genehmigungsverfahrens
der Durchleitungsgebühren der Stromnetzbetreiber.
Seit 2004 ist Prof. Brachinger Präsident der Schweizerischen
Kommission für die Bundesstatistik, die die Schweizerische Bundesregierung im allen statistischen Fragestellungen
berät. Dem Statistischen Bundesamt der Bundesrepublik Deutschland ist Prof. Brachinger auch als Gründungsmitglied
der Jury des Gerhard-Fürst-Preises verbunden. Seit 2002 ist er Vorsitzender dieser Jury.
Grundlegend für die Entwicklung einer Konzeption für die Statistikausbildung in den Wirtschaftswissenschaften ist die Frage, wodurch das Fach Statistik im wirtschaftswissenschaftlichen Kontext definiert ist. Zu Beginn dieses Vortrags wird deshalb die Frage nach der Definition dieses Faches aufgeworfen. Es wird eine Charakterisierung des Faches geliefert, welche die traditionell widerstreitenden Positionen der aus der Mathematik kommenden Fachvertreter und der Vertreter der klassischen kontinentalen Wirtschaftsstatistik zu vereinen sucht.
Dann wird auf die aktuelle Situation des Faches Statistik in den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten eingegangen. Es zeigt sich, dass Ansehen und Bedeutung dieses Faches bedauerlicherweise zurückgegangen sind. Praktisch relevante statistische Themen werden zunehmend von Nicht-Statistikern besetzt. Die Statistiker lassen sich immer mehr in die reine Methodikerecke abdrängen, sie sind zuständig für formale "Peanuts" und dienen als Hilfstruppen für andere. Immer häufiger meint man, das "bisschen Statistik", das man unbedingt braucht, selbst lehren zu können.
Ein weit verbreitetes Problem des Statistikunterrichts in den Wirtschaftsfakultäten besteht darin, dass sich der Unterrichts- und Darstellungsstil der mathematischen Statistik durchgesetzt haben. Ziel eines solchen Unterrichts ist eine möglichst allgemeine Darstellung von Methoden. Als "Probleme" gelten eher mathematische oder formale Probleme. Zur Veranschaulichung der gelehrten Methoden werden artifizielle Mini-Datensätzchen erfunden, die nur geringen Bezug zur ökonomischen Realität aufweisen.
Demgegenüber wird hier die Auffassung vertreten, dass es Ziel der Statistikausbildung in den Wirtschaftswissenschaften sein sollte, den Studierenden Kompetenz zu vermitteln in der Entwicklung quantitativer Antworten auf wirtschafts- und sozialwissenschaftlich relevante Fragen ("Informationsprobleme"). Sie sollten lernen, wirtschafts- und sozialwissenschaftlich relevante Informationsprobleme zu strukturieren und zu quantifizieren. Das setzt voraus, dass sie Denkweise und Methoden der mathematischen Statistik, der empirischen Sozialforschung und der Messtheorie ebenso kennen wie deskriptive Methoden und wirtschaftsstatistische Standardlösungen bekannter Probleme sowie statistische Standardsoftware.
Unsere Studierenden sollen lernen, kreativ quantitative Lösungen für wirtschaftswissenschaftliche Informationsprobleme zu entwickeln. Sie sollten wissen, dass praktisches statistisches Arbeiten darin besteht, die Komplexität eines vorliegenden Problems geeignet zu reduzieren, um dadurch Orientierung zu vermitteln. Die Studierenden sollten begreifen, dass es "die" Lösung von Informationsproblemen im Allgemeinen nicht gibt. Notwendig dazu ist die Kompetenz über standardisierte Lösungen von Informationsproblemen kritisch zu reflektieren.


