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Gemeinsame Wissenschaftliche Kolloquien des Statistischen Bundesamtes und der Deutschen Statistischen Gesellschaft

Einführung in das Thema:

Ökonomische Leistungsfähigkeit Deutschlands –

Bestandsaufnahme und statistische Messung im internationalen Vergleich

Prof. Dr. Ullrich Heilemann (Moderator),

geb. 1944 in Leipzig; 1952-1962 Besuch der Volksschule und des Gymnasiums (Obersekundarreife) in Ludwigshafen am Rhein, 1962-1966 Kaufmännische Lehre und Angestellter bei der Siemens AG in Mannheim, 1969-1973 Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim (Diplom-Volkswirt), 1974 Eintritt in das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung, Essen, 1979 Promotion zum Dr. rer. pol. an der Universität Münster, 1986 Mitglied des Vorstandes des RWI, Dezember 1989 Habilitation an der Universität Münster, Juni 1994 Vizepräsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung, November 1994 Ruf an die Universität Leipzig, Dezember 1994 außerplanmäßiger Professor an der Universität Münster, Juni 1995 Ruf an die Universität Duisburg und Beurlaubung für die Tätigkeit als Vizepräsident des RWI, seit 1971 Mitglied der Friedrich-List-Gesellschaft, seit 1977 zahlreiche Forschungsaufenthalte an der Harvard-University, M.I.T., University of Toronto, Johns-Hopkins-University, Brookings Institution, März 1991 Berufung in das „European Advisory Committee on Statistical Information in the Economic and Social Spheres“ (CEIES) des Rates der Europäischen Gemeinschaften, seit 1991 Mitglied des Vereins für Socialpolitik, seit 1992 Mitglied des „Ausschusses für Ökonometrie“ im Verein für Socialpolitik, seit 1994 Mitglied des Statistischen Beirats beim Statistischen Bundesamt, seit 2001 Mitglied des Aufsichtsrates der FERI AG, Bad Homburg, seit 2001 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Hans-Böckler-Stiftung.

„Internationale Vergleiche“ sind gefragt. Die (neue) Globalisierung und die vielerlei Bedürfnisse des Informationszeitalters rückten in der letzten Dekade „Evaluation“, „Benchmarking“ und „Ranking“ weltweit oft in den Mittelpunkt des politischen und wissenschaftlichen Interesses. Dies gilt auch für Deutschland, wenngleich der Zeitpunkt für uns nicht allzu günstig ist, denn zumindest im wirtschaftlichen Bereich belegen wir, anders als in den Jahrzehnten zuvor, aus einer Reihe von Gründen vielfach nur hintere Ränge.

Der Wunsch nach internationalen Vergleichen ist also groß, aber die Schwierigkeiten solcher Unternehmungen sind es nicht minder. Dem Statistiker – der „Vergleich“ war Ziel der Statistik von Anbeginn an – und dem empirischen Ökonomen sind diese zwar bewusst, aber beim Weg des „Vergleichs“ in die Öffentlichkeit gehen Vorbehalte, Einschränkungen meist verloren. Im vorliegenden Fall – „Ökonomische Leistungsfähigkeit Deutschlands im internationalen Vergleich“ – beginnen die Schwierigkeiten mit der Operationalisierung des Begriffs der „ökonomischen Leistungsfähigkeit“. Die Diskussionen um den Aussagegehalt der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und von Indikatorensystemen haben hier nichts an Gültigkeit eingebüßt. „Leistungsfähigkeit“ hat dabei nicht nur eine aktuelle, wenn man so will „statische“ Perspektive, sondern auch eine langfristige, „dynamische“, und beide können erheblich divergieren. Und wie bei jeder Bewertung ist nach deren Anzahl und dem Einfluss der Randbedingungen und ihren Eintrittswahrscheinlichkeiten zu fragen, unter denen sich diese Leistungsfähigkeit entfaltet, und wie sensibel sie auf die Randbedingungen reagiert. Nicht genug damit – was ist mit „ökonomischer Leistungsfähigkeit“ gemeint? Die Einkommensentwicklung, die Produktivitätsentwicklung usw., oder müssen auch soziale oder ökologische Aspekte berücksichtigt werden? Dass in internationalen Vergleichen oft ein „Rosinenpicken“ stattfindet, wichtige Interdependenzen vernachlässigende Partialbetrachtungen die Referenz bilden, scheint Produzenten wie Adressaten dieser Vergleiche wenig zu kümmern.

Die begriffliche Klärung stellt nur den ersten Schritt dar, auch wenn dieser angesichts der vielen trade offs innerhalb und zwischen den einzelnen Bereichen schon schwer genug fällt. Probleme wirft auch der intertemporale Vergleich auf, statistische Kenngrößen sind ungeachtet ihrer sorgfältigen „Produktion“ nur bedingt über längere Zeit sinnvoll zu vergleichen, strukturelle oder akzidentielle Relativierungen sind meist unerlässlich. Selbst der horizontale Vergleich ist trotz vieler Harmonisierungsbemühungen – meist Resultat des Interesses an „internationalen Vergleichen“! – von Vereinten Nationen, OECD und Europäischer Zentralbank oder Eurostat noch immer nicht frei von Problemen, vor allem was den Vergleich von Preisen und Kosten angeht. Erst recht gelten die Einschränkungen für prognostische oder für Potenzialaussagen. Abgesehen davon, dass man dazu in erheblichem Maße auf (ökonomische?) Hypothesen zurückgreifen muss, die stets fehler- und irrtumsbehaftet sind, werfen sie naturgemäß das Problem ihrer künftigen Geltung auf, und darum geht es ja letzten Endes bei allen Vergleichen.

Viele der angesprochenen Probleme werden in den Vorträgen der beiden Tage explizit, einige vermutlich nur implizit behandelt werden. Ihr Schwergewicht wird auf der aktuellen ökonomischen Leistungsfähigkeit liegen, aber wir sollten die integrale Bedeutung dieser Einschätzungen nicht aus dem Auge verlieren. Die Mobilisierung von Leistungspotenzialen ist ein, wenn nicht das wesentliche Kennzeichen marktwirtschaftlich organisierter Volkswirtschaften. Gerade die Geschichte der Bundesrepublik bietet dazu zahlreiche eindrückliche Beispiele, angefangen mit der Wiederaufbau- und Vollbeschäftigungsphase bis hin zu der Dynamik, die im Zuge der deutschen Einheit entfaltet wurde. Selbst die Schwächephase der letzten Jahre spricht nicht ohne weiteres gegen diesen Befund. Dies weist zwar über statistische Fragen hinaus. Aber ohne Klärung der hier angesprochenen Fragen werden sich keine überzeugenden Antworten finden lassen – für Statistik und Ökonomie leider keine neue Erkenntnis.

Download der Langfassung als PDF-Datei

 

 

© Statistisches Bundesamt Deutschland 2006